Initialzündung mit 8 Jahren Verspätung

Wenn ich es mir so recht überlege, dann liegt der Grundstein für diesen Blog eigentlich schon ein paar Jahre zurück. Um genau zu sein: 8 Jahre. So alt ist nämlich unsere Tochter. Und mein grundlegendes Bedürfnis nach Ehrlichkeit vs. „heile Welt“ verstärkte sich mit ihrer Geburt um ein Vielfaches.

Wolke 7. Nicht.

Ich hatte eine traumhafte erste Schwangerschaft, blieb von der üblichen Kübelei verschont und hatte auch sonst einen ganz stabilen Hormonhaushalt, wenn man meine ausgeglichene Laune als Maßstab nimmt. Als unser Tochterkind auf die Welt kam bzw. in den Wochen danach, schwebte ich auf Wolke 7. Nicht. Alles war einfach komplett anders, als ich es von vielen Neu-Mamas bisher gehört hatte. Kein unfassbarer Liebesschwall, der einen beim Anblick dieses kleinen Wesens zum spontanen Glücksgeheul brachte. Kein strahlendes und stolzes Kinderwagengeschiebe 10 Tage nach der Geburt. Kein Dauergrinsen ob der einfach unfassbaren Tatsache, nun endlich Mama zu sein – was auch ich mir schon lange gewünscht hatte.

Stattdessen: vollkommene Überforderung angesichts des Stillens, das einfach nicht klappen wollte, ständige Versagensängste, das erniedrigende Gefühl beim Abpumpen einer winzigen Pfütze Muttermilch, das krampfhafte Zusammenhalten des Beckenbodens beim Spaziergang noch Wochen nach der Geburt, Tränen über Tränen und schließlich die quälenden Fragen „Warum stellt sich bei mir kein rosarotes Glücksgefühl ein wie bei anderen? Was stimmt mit mir nicht? Wird sich das jemals ändern?“. Kurz gesagt: Ich kam mir vor wie der letzte Dreck, wie die schlimmste Mutter aller Zeiten.

Folglich traute ich mich auch nicht so richtig, darüber mit anderen Müttern zu sprechen. Denn wie ich mich selbst sah, war eine Sache. Aber den verständnislosen Blick offensichtlich viel besserer Mamas, das würde ich nicht ertragen.

Wie sich herausstellte, war der Grund für mein marodes Seelenleben eine simple post-natale Depression (die mein Arzt aufgrund meines Schweigens erst spät diagnostizieren konnte) gepaart mit ein paar anderen Startschwierigkeiten. Der Freudentränen auslösende Liebesschwall kam dann zum Glück doch noch, da war das Tochterkind bereits 3 Monate alt. Und natürlich lieben wir uns heiß und innig.

Warum ich euch diese intime Geschichte erzähle?

Weil es mir in dieser Situation unfassbar geholfen hätte, wenn jemand sie MIR erzählt hätte. Das erste Mal, als ich vorsichtig bei einem Krabbelgruppentreffen eben diese nicht-vorhandenen Glücksgefühle in den ersten Wochen ansprach, offenbarte sich zögerlich eine weitere Mama, die Ähnliches erlebt hatte. Und von noch ein paar weiteren Müttern hörte ich in der Folgezeit ebenfalls, dass die „Wolke 7“-Phase einige Zeit auf sich hatte warten lassen. Eine gewisse Überforderung mit der neuen Situation kannten alle, ob Wochenbettdepression oder nicht. Alle diese Frauen hielten sich wochenlang mehr oder minder für schlechte Mamas und schämten sich. Denn sie alle dachten, sie wären die einzigen, denen das Glücksgefühl fehlt, dass man doch haben MUSS, wenn das Baby endlich da ist.

Seit dieser Zeit habe ich mir geschworen, niemandem etwas vorzumachen. Wer mich fragt, wie es nach der Geburt bei mir so war, der bekommt meine – natürlich ganz persönliche – ehrliche Antwort: Scheiße. Und zwar so richtig.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass das bei jedem so sein muss. Und glücklicherweise ist es wohl bei den wenigsten so. Aber zu wissen, dass es so kommen kann und es anderen so ging, könnte betroffenen Mamas helfen, sich nicht zu schämen, sich nicht mies zu fühlen, was ja ohnehin alles nur noch schlimmer macht.

Dass ich nun, 8 Jahre später, diesen Blog schreibe, resultiert – streng genommen – aus dieser „Erkenntnis“, dass niemandem damit geholfen ist, immer nur von allen Seiten eine „heile Welt“ gezeigt zu bekommen. Denn ist die eigene Welt nicht so heil, nicht so mühelos, nicht so aufgeräumt, nicht so perfekt, wie es die von allen anderen zu sein scheint, dann ist man alleine mit seinen Gefühlen. Und das betrifft garantiert nicht nur Mütter.

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